Corona… und was bleibt?

„Manche Dinge ändern sich wohl nie… oder haben Sie Ihr Gegenüber beim letzten Skype-Call per Handschlag begrüßt?“

Zu Jahresbeginn, als in den öffentlichen Medien erste Berichte über das „Fledermaus-Virus“ kursierten, dachte wohl noch kaum jemand, dass uns dieses Virus so schnell und einschneidend in unserem täglichen Leben begleiten wird. Hochentwickelte Länder stoßen mit ihren Gesundheitssystemen an die Grenzen des Möglichen, oft sogar weit darüber hinaus. Die aktuelle Pandemie stellt aber nicht nur gesundheitlich eine große Gefahr dar. Die weitreichenden Maßnahmen in Folge von COVID-19 sind vor allem eine existenzielle Bedrohung für die Wirtschaft. Ganze Branchen wurden über Nacht stillgelegt, zigtausende Arbeitnehmer gekündigt oder in Kurzarbeit geschickt. Letztlich sind auch die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele und der Fußballeuropameisterschaft ein historisches Indiz dafür, wie lange uns COVID-19 noch begleiten wird.

So herausfordernd und ungewiss die aktuelle Situation auch ist, COVID-19 wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Soziales Engagement und Solidarität werden aktuell weltweit gelebt, wie schon lange nicht mehr. Menschen kommen auf ihre Balkone und lassen zusammen städtische Gassen zu musikalischen Alleen erklingen. Familiärer Zusammenhalt und Nachbarschaftshilfe erlangen ein neues Selbstverständnis. Regionale Wirtschaftsstrukturen rücken wieder mehr ins Bewusstsein. Menschen sind gezwungen ihren jahrzehntelangen Alltagstrott zu brechen. Nicht nur soziale Kontakte und Freundschaften werden über digitale Kommunikationswege gepflegt – Spieleabende oder Geburtstage werden bei einem abendlichen „Quarantini“ zelebriert, sondern auch andere Interaktionen beim „Home Office“ oder „Home Schooling“ werden durch digitale Wege bestimmt. Meetings werden über Video- oder Telefonkonferenzen abgehalten.

Als Konsequenz der „Heimquarantäne“ berichten Medien in den letzten Wochen über „Social Distancing“. Gewiss, der räumlich-direkte Kontakt mit anderen Personen findet nur sehr eingeschränkt bzw. lediglich innerhalb eines Haushaltes statt. Doch die oben genannten Beispiele gleichen alles andere als einer sozialen Distanzierung. Oder?! Vielmehr könnte ein Eindruck von gesellschaftlichem Zusammenhalt und sozialem Engagement entstehen. Also alles andere als soziale Distanzierung. Womit auch der Begriff des „Physical Distancing“ eventuell eine passendere Beschreibung charakterisiert – also eine reine Beschränkung auf die räumlich-direkte Distanz. Oder nicht?!

Wie wird sich diese räumlich-direkte Distanz mittel- und langfristig auf unsere Gesellschaft auswirken? Bleibt das gesellschaftliche Bewusstsein und der Zusammenhalt auch nach COVID-19 bestehen?

Gerade Experten aus der Trend- & Zukunftsforschung beschäftigen sich sehr stark mit diesen Themen, insbesondere auch das Zukunftsinstitut. In vier Szenarien wird skizziert wie sich COVID-19 nachhaltig auf unser Leben auswirken kann.

#Die totale Isolation

Der Shutdown ist nur der Anfang einer neuen Gesellschaftsordnung – aus Sorge einer neuerlichen Virus-Ausbreitungen, bleibt der freie Personen- und Warenverkehr über die Zeit hinweg vollständig bestehen. Wir leben in totaler Isolation und die Dokumentation des Gesundheitszustandes eines jeden Einzelnen hat oberste Priorität.

#System-Crash

COVID-19 brachte die Welt und ihre Wirtschaftsordnung ins Taumeln. Nationale Interessen stehen im Fokus – jeder Staat ist sich selbst der Nächste. Grenzschließungen und neue Exportbestimmungen charakterisieren den Kampf, um die Aufrechterhaltung der Grundversorgung und um medizinische Gerätschaften. Die Bildung von Subsystemen bringt die globale Weltwirtschaft ins Wanken.

#Neo-Tribes

Regionalität und kleine, lokale Strukturen erfahren durch COVID-19 eine „Renaissance“ und rücken wieder stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft. Lokale Gemeinschaften sind geprägt durch Nachhaltigkeit und eine starke Wir-Kultur.

#Adaption

Dank COVID-19 wird die Gesellschaft auch in Zukunft flexibler mit Veränderungen umgehen. Neue Geschäftsfelder werden den Zweck des Wirtschaftens grundlegend ändern. Der achtsame Umgang mit Menschen, Ressourcen und Umwelt wird dabei zunehmend eine reine Profitorientierung in Frage stellen.

Im Einzelfall mag jedes dieser Szenarien ein wenig übertrieben erscheinen, aber dennoch haben alle ihre Daseinsberechtigung. Die aktuelle Situation, mit der unsere Gesellschaft konfrontiert ist, spiegelt jedes dieser Szenarien wider, auch wenn nur ansatzweise und über einen begrenzten Zeitraum. Die mittel- und langfristigen Auswirkungen sind dabei noch nicht konkret abschätzbar. Auch in welcher Form die einzelnen Trends zusammenspielen werden. Festzuhalten ist aber schon heute, dass diese in einer Mischform auch unser zukünftiges Leben beeinflussen werden. Neben einem neuen Bewusstsein für Wirtschaft, Regionalität und Nachhaltigkeit wird COVID-19 auch unser Gesellschaftssystem wesentlich beeinflussen.

Ein zentraler und insbesondere auch psychologisch wichtiger Aspekt wird aber vor allem die Wiederherstellung des räumlich-direkten Kontaktes der Menschen zueinander sein. „Physical Distancing“ ist über einen bestimmten Zeitraum hinweg möglich, auch ohne, dass es dabei zu einer größeren sozialen Distanzierung der Gesellschaft kommt. Gerade die Vielzahl der digitalen Kommunikationsmittel, ermöglichen es uns temporär auch eine soziale und emotionale Brücke zu unseren Mitmenschen zu schlagen. Unsere Kultur ist allerdings grundlegend durch eine räumlich-direkte Interaktion geprägt, weshalb auch die Sozialisierung maßgeblich davon beeinflusst wird. Somit würde ein längerfristiges „Physical Distancing“ zwangsläufig auch ein „Social Distancing“ zur Folge haben. Die emotionalen und empathischen Bruchlinien in der digitalen Welt sind zu groß, um die emotionale Intelligenz einer räumlich-direkten Interaktion langfristig zu ersetzen.

Nachdem gerade der Freizeit- und Kulturbereich auch noch mittelfristig von Einschränkungen betroffen sein wird, werden Personenansammlungen auch in der Wirtschaft kritisch sein, bis wieder zu einem „normalen Alltag“ übergegangen werden kann. Doch wenn jener Zeitpunkt gekommen ist, wird das räumlich-direkte Zusammentreffen der Menschen von zentraler Bedeutung sein. Gerade um erste Anzeichen sozialer Distanzierungen zu überwinden. Ein Zeitpunkt, der geprägt sein wird von räumlich-direkten Interaktionen – getragen von Emotionen und Empathie. Symbolisch wird dies der Kickoff zur „überstandenen Krise“ darstellen und gleichzeitig ein neues Zeitalter einläuten – bestimmt durch Agilität, Regionalität, soziales Engagement, Solidarität und Nachhaltigkeit. Digitale Interaktion wird uns auch in der Zukunft zunehmend begleiten, doch die Menschen werden verstanden haben, dass diese den räumlich-direkten Kontakt zu den Mitmenschen nie vollständig ersetzen können wird.

Über den Autor:

Kevin Netzer brennt seit Herbst 2019 für die (f)amilie und unterstützt (f)acts als Junior Projektmanager. Er lebt in Vorarlberg. In seiner Freizeit holt sich der leidenschaftliche Triathlet seinen Brennstoff am liebsten draußen in der Natur – Rennrad und Skitouren stehen hoch im Kurs. Neben der Abenteuerlust darf aber auch die Entspannung bei einem guten Buch oder einem Treffen mit Freunden nicht fehlen.

Fotocredit: Getty Images

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